Rolf Lambrigger
schrieb am 19. Juli 2026 um 16.59 Uhr
Zum Tod von Reinhard Eyer: Die Stimme eines Suchenden ist verstummt.
Quelle: Nathalie Benelli, pomonamedia
Nachruf
Reinhard Eyer ist am 17. Juli an einer schweren Krankheit gestorben. Unser Mitgefühl gehört seiner Ehefrau Denise Eyer-Oggier und seinen drei Kindern Daniel, Leander und Silvia mit ihren Familien.
Es gibt Menschen, die eine Region nicht nur beschreiben – sie werden Teil ihrer Erinnerung. Mit Reinhard Eyer verstummt eine Stimme, die über Jahrzehnte das Wallis als SRF-Radiokorrespondent begleitete, erklärte und einordnete. Eine ruhige Stimme. Eine präzise Stimme. Vor allem aber die Stimme eines Suchenden.
Wer ihm in Brig begegnete, wird das Bild nicht vergessen: gedankenversunken, mit ernstem Blick, den dunkelblauen Mantel gegen Wind und Wetter geschlossen, zu Fuss unterwegs. Nie hastig, nie laut. Als würde er die Welt nicht einfach durchqueren, sondern aufmerksam lesen. Hinter der nachdenklichen Miene steckte eine unstillbare Neugier – auf Menschen, auf ihre Geschichten und auf das, was hinter den sichtbaren Dingen lag.
Diese Haltung prägte auch seinen Journalismus. Reinhard Eyer suchte nicht den schnellen Effekt und nicht die laute Schlagzeile. Er suchte das Verstehen. Über Jahrzehnte wurde er für unzählige Hörerinnen und Hörer des «Regionaljournals Bern, Freiburg, Wallis» zur Stimme des Wallis. Er berichtete über Erfolge und Krisen, über Naturgewalten und politische Entscheidungen, über Freude und Leid. Er tat dies mit Sachlichkeit, Unabhängigkeit, Respekt und einer selten gewordenen Sorgfalt. Er wusste, dass hinter jeder Nachricht Menschen stehen.
Seine journalistische Arbeit begann beim «Volksfreund». Dort war er für das Wochenmagazin «Spektrum» und Beilagen zuständig. Er trug mit seinen Beiträgen zur kulturellen und gesellschaftlichen Öffnung des Oberwallis bei.
Als 1978 im Schweizer Radio die täglichen Regionaljournale entwickelt wurden, war Reinhard Eyer mit im Team. Parallel arbeitete er während vieler Jahre für verschiedene Schweizer Zeitungen wie den «Beobachter» und für die Agentur Schweizerische Politische Korrespondenz (SPK). Erst in den 1990er-Jahren konnte er sich ganz auf seine Arbeit als SRF-Wallis-Korrespondent konzentrieren. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung 2015.
Doch wer ihn nur als Journalisten kannte, kannte nur einen Teil von ihm.
Er war ein Suchender, auch im wörtlichen Sinn. Als Strahler zog es ihn immer wieder in die Berge, auf der Suche nach Kristallen, nach verborgenen Schätzen tief im Gestein. Vielleicht faszinierte ihn gerade das: Dass das Wertvollste oft dort verborgen liegt, wo Geduld, Ausdauer und ein wacher Blick nötig sind. Es ist ein schönes Bild für sein ganzes Leben. Auch in den Menschen suchte er nie das Offensichtliche, sondern das Echte.
Reinhard Eyer war Mitinitiant des Schweizer Strahlermuseums in Naters, und im «Buch der Leidenschaft» erzählte er zusammen mit anderen von seiner Passion.
Reinhard Eyer engagierte sich von 2016 bis 2025 als Präsident des Kunstvereins Oberwallis. Seinen Einsatz leistete er aus Liebe zur Kunst. Für ihn war sein Engagement kein Mandat, er rechnete keine Stunden. Es war die Leidenschaft, die ihn antrieb.
Praktiziert hat er auch mit Hingabe Bagua, die uralte Tradition, die in den Shaolin-Klöstern gelehrt wird. In der Kombination von Bewegung und Meditation fand er Stille.
Sein grösster Halt aber war seine Familie.
Er war Ehemann, Vater und später Grossvater – und in all diesen Rollen ein verlässlicher Anker. Er glaubte an seine Kinder, selbst dann, wenn sie ihren eigenen Weg erst finden mussten. Er gab ihnen Vertrauen, ohne sie festzuhalten. Seine Liebe war keine laute, sondern eine stille Gewissheit: Ich bin da.
Er gab die Richtung vor. Der Norden war für ihn mehr als eine Himmelsrichtung. Er war Orientierung, Sehnsucht und innerer Kompass. Vielleicht braucht jeder Suchende einen festen Punkt, an dem er sich ausrichten kann.
Mit Reinhard Eyer verliert das Wallis einen Chronisten. Viele verlieren einen Freund, einen Weggefährten oder einen geschätzten Gesprächspartner. Seine Familie verliert einen geliebten Menschen.
Was bleibt, sind Erinnerungen. An seine Stimme im Radio. An seine klugen Fragen. An seine Bescheidenheit. An den Mann im dunkelblauen Mantel, der gedankenverloren durch Brig ging und dabei vielleicht schon die nächste Geschichte in sich trug.
Die Stimme ist verstummt.
Doch das Echo seiner Worte, seiner Haltung und seiner Menschlichkeit wird bleiben.